Im Rahmen der scalaria Living Legends of Aviation Europe Awards 2026 trafen am 5. September in St. Wolfgang internationale Unternehmer, Entwickler und VisionĂ€re zusammen, um ĂŒber Technologien und Erfahrungen zu sprechen, die Luftfahrt, Raumfahrt, MobilitĂ€t und Rettungswesen verĂ€ndern können. Unter dem Leitmotiv âPIONEERING INNOVATION â Developing a new Archetypeâ standen jene Entwicklungen im Mittelpunkt, fĂŒr die es noch keine etablierten Vorbilder gibt. Mit dabei waren unter anderem FACC mit Embraer, Airbus Helicopters, Rocket Factory Augsburg, AVILUS und Klein Vision sowie internationale Partner aus Luft- und Raumfahrt.Â
âWir haben mit der Science Lounge ein Format gefunden, das Menschen verbindet. Hier wird âZukunftâ gedacht, und es werden auch die Weichen fĂŒr die Schritte der Umsetzung gestelltâ, so Humberto Schenk von der scalaria.
Unter der Moderation von Annabelle Mandeng diskutierten in dem Format, das maĂgeblich von NXT Technologies aus Salzburg mitkonzipiert wurde: Robert Machtlinger (Chief Executive Officer, FACC AG), Johann Bordais (Chief Executive Officer, Eve Air Mobility), Dr.-Ing. Daniel Dollinger (Chief Development Officer, AVILUS GmbH), Johannes Plaum (Head of Research & Technology, Airbus Helicopters), Dr. Stefan Brieschenk (Chief Development Officer, Rocket Factory Augsburg) und Stefan Klein (Chief Executive Officer, Klein Vision) darĂŒber, wie Innovation entsteht, wenn Unternehmen und Branchen beginnen, voneinander zu lernen.

â
âLive erlebbar in der scalaria: Science Lounge Experience Corner mit Entwicklungen zum Anfassen, darunter ein eVTOL âEVEâ Simulator, die AVILUS Rettungsdrohne âGRILLEâ, ein Original-Mock-up eines RFA-Raketentriebwerks und ein AirCar-Modell.
â
Wie entwickelt man etwas völlig Neues, wenn es kein Vorbild gibt? Welche Entscheidungen bringen Innovation voran â und welcher vermeintliche RĂŒckschlag erweist sich spĂ€ter als entscheidender Fortschritt? Diese Fragen bildeten den inhaltlichen Rahmen der Science Lounge.
Im Mittelpunkt stand dabei die Erkenntnis, dass bedeutende Innovationen immer seltener innerhalb einer einzelnen Branche entstehen. Luftfahrt, Raumfahrt, Automotive, Digitalisierung und neue MobilitĂ€tskonzepte greifen zunehmend auf Technologien, Materialien und Erfahrungen anderer Bereiche zurĂŒck. Genau dieser Austausch soll Entwicklungen beschleunigen und neue Lösungswege eröffnen.
Wie unterschiedlich die Anwendungen neuer Technologien sein können, zeigte AVILUS mit der vollelektrischen Rettungsdrohne âGRILLEâ. Das unbemannte FluggerĂ€t wurde dafĂŒr entwickelt, Menschen auch dort zu transportieren, wo klassische Rettungsfahrzeuge oder Hubschrauber an ihre Grenzen stoĂen. Im April 2026 beauftragte die deutsche Bundeswehr zwei Testmuster. AVILUS-CEO Niclas BĂ€hr zeigte am Wolfgangsee, welches Potenzial autonome Systeme kĂŒnftig fĂŒr Rettungswesen und Notfallmedizin besitzen.
Einen anderen Ansatz verfolgt Airbus Helicopters mit dem âRACERâ. Zwei seitlich angebrachte Propeller ermöglichen dem FluggerĂ€t eine deutlich höhere Reisegeschwindigkeit als bei klassischen Hubschraubern und sollen gleichzeitig die Effizienz verbessern. Chefentwickler Johannes Plaum gab Einblicke in ein Konzept, das bewusst Eigenschaften unterschiedlicher FluggerĂ€te miteinander verbindet.
Dass auch StraĂe und Luftfahrt zusammenwachsen können, demonstrierten Stefan Klein und Anton Zajac mit dem AirCar. Das Fahrzeug verwandelt sich innerhalb weniger Minuten vom StraĂenfahrzeug zum Flugzeug. Nach mehr als 200 Starts und Landungen hat die patentierte Entwicklung bereits die LufttĂŒchtigkeitszulassung in der Slowakei erhalten. Stefan Klein wird im Rahmen der scalaria Living Legends of Aviation Europe Awards fĂŒr seine technischen Errungenschaften als Living Legend ausgezeichnet.
Dr. Stefan Brieschenk von Rocket Factory Augsburg brachte eine weitere Perspektive in die Science Lounge ein. Das Unternehmen verfolgt das Ziel, Raketen kĂŒnftig stĂ€rker nach industriellen Prinzipien und in Serienproduktion herzustellen. Methoden, wie man sie aus der Automobilindustrie kennt, sollen damit auf die Raumfahrt ĂŒbertragen und europĂ€ische Satellitenstarts langfristig wirtschaftlicher gemacht werden.
FĂŒr FACC CEO Robert Machtlinger ist Leichtbau einer der entscheidenden SchlĂŒssel fĂŒr die nĂ€chste Generation der Luftfahrt. Weniger Gewicht bedeute unmittelbar höhere Effizienz â unabhĂ€ngig davon, ob es um klassische Verkehrsflugzeuge, neue Formen der Urban Air Mobility oder Raumfahrtanwendungen gehe. FACC arbeite deshalb intensiv an neuen Kombinationen aus Materialien, Produktionsverfahren und Werkzeugen. Machtlinger verwies zugleich auf einen grundlegenden Wandel in der industriellen Logik: Technologien, die in der klassischen Luftfahrt fĂŒr vergleichsweise kleine StĂŒckzahlen entwickelt wurden, mĂŒssten fĂŒr neue MobilitĂ€tskonzepte plötzlich in wesentlich höheren StĂŒckzahlen wirtschaftlich produzierbar sein. Das erfordere teilweise ein völliges Neudenken von Materialien, Prozessen und Fertigungszeiten. Gerade die Arbeit an Urban Air Mobility habe FACC dabei wichtige Erkenntnisse geliefert, die wiederum in das KerngeschĂ€ft zurĂŒckflieĂen. Entscheidend sei letztlich das Zusammenspiel aus technologischer LeistungsfĂ€higkeit, Zertifizierung, Sicherheit und wirtschaftlicher TragfĂ€higkeit. Innovation bedeute fĂŒr ihn deshalb nicht nur, neue Lösungen zu entwickeln, sondern sie auch industriell skalierbar und fĂŒr Kunden tatsĂ€chlich nutzbar zu machen.Â
Â
Johann Bordais, CEO von Eve Air Mobility stellte klar, dass Advanced Air Mobility aus seiner Sicht den Schritt von der groĂen Vision hin zur praktischen Umsetzung vollziehen muss. In den vergangenen Jahren habe es weltweit zahlreiche Konzepte und viel Aufmerksamkeit rund um fliegende Fahrzeuge gegeben â jetzt gehe es darum, daraus ein funktionierendes GeschĂ€ftsmodell zu entwickeln. FĂŒr Eve bedeutet Urban Air Mobility derzeit vor allem elektrisch betriebene Air Taxis fĂŒr vergleichsweise kurze Distanzen. Entscheidend sei dabei nicht, das spektakulĂ€rste oder schnellste FluggerĂ€t zu bauen, sondern eines, das exakt zur vorgesehenen Mission passt, sicher zertifiziert werden kann und fĂŒr Betreiber wirtschaftlich funktioniert. Bordais betonte, dass die Zertifizierung nicht das Ende der Entwicklung sei, sondern erst den Beginn des realen Betriebs markiere. Neben dem FluggerĂ€t mĂŒsse deshalb ein vollstĂ€ndiges Ăkosystem entstehen â von Vertiports und Energieversorgung bis zu Behörden, Betreibern und gesellschaftlicher Akzeptanz. Die eigentliche Herausforderung liege im richtigen Kompromiss zwischen Gewicht, Leistung, Sicherheit und Kosten. Erst wenn all diese Faktoren zusammenspielen und ein skalierbarer Betrieb möglich wird, könne Urban Air Mobility tatsĂ€chlich zu einem neuen Verkehrssegment werden.Â
Â
Im Mittelpunkt der AusfĂŒhrungen von Dr.-Ing. Daniel Dollinger, Chief Development Officer von Avilus stand die Frage, wie unbemannte Luftfahrtsysteme insbesondere bei medizinischen EinsĂ€tzen einen konkreten gesellschaftlichen Nutzen schaffen können. Ein wesentliches Problem sei heute nicht allein die technische LeistungsfĂ€higkeit, sondern vor allem die VerfĂŒgbarkeit geeigneter Luftfahrzeuge fĂŒr medizinische Evakuierungen und andere kritische EinsĂ€tze. Neue regulatorische Möglichkeiten fĂŒr unbemannte Luftfahrt könnten dabei helfen, solche Systeme wirtschaftlicher zu entwickeln und einzusetzen. Dollinger unterstrich, dass es nicht das eine FluggerĂ€t fĂŒr sĂ€mtliche Anwendungen geben könne: Medizinische Evakuierung, Logistik oder Langstreckenmissionen stellten jeweils unterschiedliche Anforderungen. Besonders wichtig war ihm die Abgrenzung zwischen Automatisierung und völliger Autonomie. Automatische Funktionen könnten Operatoren unterstĂŒtzen, RoutenfĂŒhrung ĂŒbernehmen oder bei kritischen Situationen zusĂ€tzliche Sicherheit schaffen und dadurch den gleichzeitigen Betrieb mehrerer FluggerĂ€te ermöglichen. Die sicherheitskritischen Kernfunktionen eines Luftfahrzeugs mĂŒssten jedoch nach klassischen Luftfahrtprinzipien kontrollierbar und nachvollziehbar bleiben. Gerade bei medizinischen Missionen könne ein unbemanntes FluggerĂ€t dennoch entscheidend sein, wenn dadurch Patienten innerhalb der sogenannten âGolden Hourâ schneller versorgt oder evakuiert werden können.Â
â
Johannes Plaum zeigte anhand des Airbus Racer, wie Forschung und technologische Entwicklung die Grenzen des klassischen Hubschraubers verschieben können. Der Racer vereint Eigenschaften eines Helikopters mit jenen eines Flugzeugs: Er kann vertikal starten, landen und schweben, soll gleichzeitig aber deutlich schneller und effizienter im VorwĂ€rtsflug sein. Ziel der Entwicklung war es, hohe Geschwindigkeit nicht durch massiv höheren Energieverbrauch zu erkaufen. Nach Plaums Angaben wurde der Racer darauf ausgelegt, rund 50 Prozent schneller zu sein, gleichzeitig etwa 25 Prozent weniger Treibstoff zu verbrauchen und die Schallemissionen um rund 20 Prozent zu reduzieren. Hinter dem Demonstrator stehen mehr als 90 Patente und zahlreiche technologische Neuerungen â von einer hocheffizienten Aerodynamik bis zu einem System, bei dem im schnellen VorwĂ€rtsflug eines der beiden Triebwerke abgeschaltet und bei Bedarf rasch wieder gestartet werden kann. Rund 2.000 Stunden Bodentests gingen dem Erstflug voraus. Besonders beeindruckt habe das Team, wie schnell sich anschlieĂend das Flugerprobungsprogramm entwickeln lieĂ. Plaums ĂŒbergeordnete Botschaft: Fortschritt entsteht nicht nur durch spektakulĂ€re TechnologiesprĂŒnge, sondern ebenso durch jahrzehntelange, konsequente Weiterentwicklung in vielen einzelnen Schritten.Â
â
FĂŒr Dr. Stefan Brieschenk lautet eine zentrale Voraussetzung fĂŒr Fortschritt in der Raumfahrt: KomplexitĂ€t reduzieren. Der Zugang zum Weltraum sei technisch extrem anspruchsvoll und mĂŒsse zugleich kostengĂŒnstiger und regelmĂ€Ăiger werden, wenn Europa international eine gröĂere Rolle spielen wolle. Rocket Factory Augsburg versuche deshalb, Raketen und insbesondere Raketentriebwerke so einfach wie möglich konstruierbar und montierbar zu machen. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten 3D-gedruckte Komponenten, in denen ein groĂer Teil der technischen KomplexitĂ€t gebĂŒndelt werde. Sein zugespitztes Ziel: Raketen eines Tages Ă€hnlich effizient und standardisiert bauen zu können wie Autos. Brieschenk verband diese technische Perspektive mit einer grundsĂ€tzlichen Botschaft an Europa: vermeintlich Unmögliches mĂŒsse ausprobiert werden, statt es von vornherein auszuschlieĂen. Gleichzeitig brauche es dafĂŒr deutlich mehr Investitionen, staatliche UnterstĂŒtzung und Risikobereitschaft. Als besondere StĂ€rke sieht er internationale Teams: RFA beschĂ€ftige Menschen aus zahlreichen LĂ€ndern und habe Englisch bewusst als Unternehmenssprache gewĂ€hlt. Unterschiedliche Denkweisen seien fĂŒr ihn kein Hindernis, sondern ein entscheidender Innovationsfaktor. Europa verfĂŒge ĂŒber das Talent und die technologischen Möglichkeiten â mĂŒsse aber unabhĂ€ngiger werden und wesentlich entschlossener in seine eigene Raumfahrtinfrastruktur investieren.Â
â
Dr. Stefan Klein schilderte die Entwicklung seines AirCar als jahrzehntelangen Weg von einer ungewöhnlichen Idee hin zu einem funktionierenden Flugauto. Begonnen habe das Projekt vor rund 30 Jahren mit dem Wunsch, ein Fahrzeug zu entwickeln, das individuelle MobilitĂ€t am Boden und in der Luft miteinander verbindet. Erste EntwĂŒrfe erwiesen sich noch als zu groĂ und unpraktisch, weshalb Klein das Konzept Schritt fĂŒr Schritt in Richtung eines transformierbaren Fahrzeugs weiterentwickelte. Ein kleines, hoch spezialisiertes Team habe ĂŒber Jahre theoretische Analysen, Modelle und Prototypen erarbeitet und die Ergebnisse immer wieder mit realen Tests abgeglichen. RĂŒckblickend wĂŒrde Klein heute vor allem zwei Dinge verĂ€ndern: frĂŒher mehr Kapital aufnehmen und von Beginn an mit einem etwas gröĂeren Team sowie mehr Spezialisten arbeiten. Moderne Technologien und Kooperationen â etwa im Bereich 3D-Druck, Antrieb oder Avionik â könnten Entwicklungsprozesse zusĂ€tzlich beschleunigen. Das AirCar versteht Klein ausdrĂŒcklich nicht als universelle Verkehrslösung fĂŒr die gesamte Bevölkerung. Es richte sich vielmehr an Menschen mit einer besonderen AffinitĂ€t zu individueller MobilitĂ€t und Luftfahrt. Sein eigentliches Versprechen sei die Möglichkeit, Wege flexibler zu gestalten und den Nutzern dadurch mehr persönliche Freiheit zu geben.